© wavebreakmedia/shutterstock
Tablets im Unterricht

Tabletausstattung: "Müssen nur wollen"

An der Oberschule Gehrden hat jeder Schüler ein eigenes Tablet zum Lernen. Damit das umgesetzt werden kann, ist sich Direktor Carsten Huge sicher: Die Schulleiter müssen die Digitalisierung selbst vorantreiben.

Auf einen Blick

  • An der Oberschule Gehrden lernen alle Schüler seit sieben Jahren mit Tablets.
  • Programmieren steht ebenso auf dem Stundenplan wie Deutsch, Mathe und Englisch.
  • Schüler der Abschlussklasse können komplette Apps entwickeln.

Weihnachten ist bei der Oberschule Gehrden bei Hannover jedes Jahr bereits Ende Herbst. Vor den Schülern der 5. Klasse liegt auf dem Tisch ein kleines Päckchen, 25 mal 20 Zentimeter. Aufgeregt packen sie es aus. Darin: ihr neues iPad. „Jedes Jahr leuchten die Augen der Schüler“, sagt Carsten Huge, Schulleiter. „Wahrscheinlich, weil sie es nicht gleich mit Unterricht und Lernen verbinden“, fügt er lächelnd dazu.

Die Schüler an der Oberschule Gehrden mit Gymnasialzweig lernen ab der 5. Klasse mit Tablets. Vor sieben Jahren führte die Schule die Tablets ein und war somit die erste öffentliche Schule deutschlandweit, in der jeder Schüler damit arbeitet. „Potenzial habe ich schon immer in den digitalen Medien gesehen“, sagt Huge. „Deswegen habe ich mich für die Digitalisierung an unserer Schule stark gemacht.“ Die Lehrkräfte und Huge haben zunächst mit Eltern und Schülern besprochen, welche Geräte überhaupt in Frage kommen. Sie entschieden sich für iPads, die von den Eltern monatlich mit elf Euro finanziert werden. „Die Eltern wissen bei der Anmeldung ihrer Kinder, dass dieser Beitrag verpflichtend ist.“

Wir vertiefen das, was die Wirtschaft fordert.

Huge nahm im nächsten Schritt mit der Stadt Kontakt auf. „Wir brauchten damals entweder neue Computerräume oder ein funktionierendes WLAN-Netzwerk für die Tablets. Da eine funktionierende Internetverbindung günstiger ist, entschied sich die Stadt für die Bereitstellung des WLAN anstatt für die Computerräume. Nun war der Weg frei.“ Direktor Huge holte sich Unterstützung von der Gesellschaft für digitale Bildung, die bereits 500 Bildungseinrichtungen bei der Digitalisierung begleitet hat. Er lässt sich von der Gesellschaft hinsichtlich des Datenschutzes und Einsatzmöglichkeiten der Tablets beraten. Dafür konnte er bei der Kommune Gehrden zusätzliche finanzielle Mittel beantragen. Das Medienkonzept hat die Schule dann selbst entwickelt.

Schüler verbessern sich
Nun, nach sieben Jahren, läuft an der Oberschule Gehrden der Unterricht mit den Geräten problemlos. Alle Lehrkräfte nutzen die Tablets. Ziel ist, dass die Schüler lernen, sachgerecht, selbstbestimmt und sozial verantwortlich mit Medien umzugehen. „Die Schule ist ein neutraler Ort, um Themen wie Cybermobbing und Fake News zu behandeln. Wir haben hier einen besseren Zugang als Eltern“, ist Huge überzeugt. Die zu erlernenden Kompetenzen, die an der Schule festlegt wurden und in allen Fächern angewendet werden, lassen sich in fünf Bereiche untergliedern: „Bedienen und Anwenden des iPads“, „Informieren und Recherchieren“, „Kommunizieren und Kooperieren“, „Produzieren und Präsentieren“ sowie „Medienanalyse, -kritik und Reflexion“. In den 5. und 6. Jahrgangsstufen lernen die Schüler beispielsweise die Standardfunktionen von Textverarbeitungsprogrammen kennen, recherchieren unter Anleitung in Suchmaschinen, wenn sie Präsentationen zu Unterrichtsthemen erstellen. „Am meisten gefällt mir beim Arbeiten mit den Tablets, dass man lernt, mit moderner Technik umzugehen“, sagt Canan aus der 6. Klasse. In den darauffolgenden Jahrgangsstufen werden die Kompetenzen weiter ausgebaut.

Jeder Schüler führt sein eigenes digitales Lerntagebuch, in das Unterrichtsinhalte, Fortschritte, Fragen und Termine für Schulaufgaben eingetragen werden. So sind auch die Eltern über den Schulalltag des Kindes informiert. „Wir wollen, dass die Schüler sich langfristig in ihren schulischen Leistungen verbessern. Und das haben wir in den letzten sieben Jahren auch erreicht“, sagt Huge. Das schreibt er vor allem dem Einsatz der Tablets zu, denn die Schüler seien motivierter und mit mehr Spaß im Unterricht dabei. „Eigentlich möchte ich einmal bei PISA mitmachen und selbst sehen, wie unsere Schüler abschneiden.“

Schlüsselkompetenz für die nächsten Jahrzehnte
Der Direktor in der Oberstufe hat das Fach „Programmieren“ eingeführt. Er ist überzeugt, dass das Fach an jeder Schule angeboten werden sollte und ärgert sich über die Diskussionen: „Die Aussagen von Lehrerverbänden, dass wir nicht noch zusätzliche Schulfächer benötigen, brauchen wir nicht.“ Die Welt sei schon digital, deswegen müssten die Schüler auf die Zukunft vorbereitet werden, in der Programmieren zu den Kernkompetenzen zählen wird. Ändere Ländern machen es vor: In Estland programmieren Schüler ab der 1. Klasse, in Großbritannien lernen sie ab der 6. Klasse die HTML-Programmiersprache. In Indien und den USA wird gerade der IT-Unterricht umgekrempelt. Huge findet das gut: „Neben Sprachen müssen die Schüler Programmieren beherrschen und somit auf die Zukunft vorbereitet werden“, sagt er, „schon jetzt braucht die Industrie Auszubildende, die Anweisungen in HTML schreiben können.“ Experten geben ihm Recht. In ein paar Jahrzehnten werden laut dem Professor für Psychologie, Arvid Kappas, der den Einsatz von Robotern erforscht, Roboter in der Altenpflege arbeiten, in Krankenhäusern, überall im sozialen Leben. Bei Fehlern müssen die Mitarbeiter Roboter schnell umprogrammieren können.

Schüler programmieren eine Produktionsstraße
In der Oberstufe der Oberschule Gehrden lernen die Schüler kleine Apps zu programmieren und ganze Bediencodes für eine Produktionsstraße eines Handwerkerbetriebes zu schreiben. „Wir bauen mit den Firmen in der Region enge Kooperationen auf“, erzählt Huge. Erst kürzlich kaufte sich eine Tischlerei in der Nähe eine Fräse. Die Bediencodes dafür schreiben die Schüler der Oberschule. Damit kann der Schreiner Befehle an die Fräse erteilen. „Wir vertiefen das, was die Wirtschaft fordert: Auszubildende, die selbstständig arbeiten und mit Software umgehen können.“

Regelmäßig kommen an die Schule Psychologen, um zu überprüfen, wie es den Schülern beim Lernen geht und um die pädagogischen Konzepte zu besprechen. „Falls es Lernschwierigkeiten gibt, können wir diese durch das Lerntagebuch im Tablet schnell erkennen und reagieren“, sagt Huge. Der Direktor ist stolz. Denn seine Schüler können nach dem Abschluss nicht nur Gedichte analysieren und Kurvendiskussionen berechnen, sondern sich auf dem wandelnden Arbeitsmarkt behaupten. Und sie haben Spaß am Lernen. Anna-Lena aus der 5. Klasse ist begeistert. „Ich muss sagen, dass das wirklich die coolste Schule ist, die ich mir vorstellen kann.“

Von didacta DIGITAL • Tina Sprung • 15.03.2018

Partner

eMag didacta DIGITAL