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Handys in der Schule

Schule: Handy-Verbot ja oder nein?

Handys und Tablets gehören in die Schule, davon ist Schulforscherin Birgit Eickelmann überzeugt. In didacta DIGITAL erzählt sie warum.

 Mobbing  gehe zurück, die Schüler seien aufmerksamer: Nach dem Handyverbot in Frankreich vor über einem halben Jahr melden die Lehrer, dass es nur Vorteile habe. Sollten wir Handys also auch an deutschen Schulen verbieten?
 

Birgit Eickelmann: Verbote sind pädagogisch gesehen nie sinnvoll und sind es auch hier nicht. Wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, wie sie die Medien richtig nutzen – sei es im Unterricht oder im privaten Umfeld. Ich vergleiche es gern mit der Verkehrserziehung. Ich kann Jugendliche und Kinder nicht vor den Gefahren schützen, indem ich sie nicht am Straßenverkehr teilnehmen lasse.

Sondern?

Sie müssen lernen, wie sie sich kompetent im Straßenverkehr bewegen. Die erste Verkehrserziehung  findet bereits in der Kita statt. Auch die Eltern als Erziehungspartner arbeiten hier mit. Hier wissen wir, dass eine schrittweise und altersgerechte Verkehrserziehung der richtige Weg zur Selbstständigkeit ist. So könnte und sollte es bei den digitalen Medien sein.

Ist die Entscheidung Frankreichs also ein Rückschritt?

Frankreich hat, trotz Handyverbot, die Digitalisierung im Unterricht vor Jahren eingebettet und erprobt derzeit fortschrittliche Konzepte. Es ist eines der Länder, das diesen Bereich mit Hochdruck entwickelt und das mittlerweile gut verstanden hat, dass digitale Kompetenzen zukunftsrelevant sind. Daher sollte man sich nicht von der Schlagzeile ,Frankreich verbietet Handys an Schulen‘ täuschen lassen und das als Ausrede für die Entwicklungen im eigenen Land anführen. Dazu gehört die Ausstattung der Schulen, die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie die reflektierte
lernförderliche Nutzung der Potenziale digitaler Medien zum Lernen. Nur so können wir Schülerinnen und Schüler für das Lernen und Leben im digitalen Zeitalter kompetent machen. Das hat auch eine gesellschaftliche Perspektive: Wenn wir die heranwachsende Generation nicht kompetent machen und unseren Kindern und Jugendlichen beispielsweise nicht beibringen, wie sie mit Falschmeldungen und der Informationsflut in sozialen Medien umgehen, brauchen wir uns in Deutschland nicht über Cybermobbing oder den zunehmenden Rechtspopulismus zu wundern.

Sie sprechen sich dafür aus, anstatt Verbote gemeinsam Regeln aufzustellen. Wie kann das aussehen?

Das kann man an Beispielen deutlich machen: In der Gemeinschaftsschule in Neumünster haben Schülerinnen und  Schüler  schon  vor  mehr  als zehn Jahren zusammen mit Eltern und Lehrkräften Regeln im Umgang mit digitalen Medien erarbeitet. Die Schüler haben selbst vorgeschlagen, ihr Handy nicht vor der zweiten großen Pause zu verwenden. Das ist zielführend, da sie in solchen Abstimmungsprozessen auch lernen, ihr eigenes Medienverhalten zu reflektieren und zu regulieren.

Wie können sich die Lehrkräfte und Schulen jetzt schon auf den Weg machen?

Es ist wichtig, die Digitalisierung als Schulentwicklungsprozess zu sehen. Es gibt bereits jetzt schon in vielen Kollegien kompetente Lehrkräfte, die ihr Wissen weitergeben können und ihren Kollegen zeigen, was möglich ist. Auch gegenseitige Unterrichtshospitation ist hilfreich und motivierend. Zudem sollten Lehrkräfte zusammen an neuen Themen arbeiten. Wir nennen das Ko-Konstruktion von didaktischem Wissen.

Aber es gibt zu wenig Angebote für die Weiterbildung.

Ja, wir sind in Bezug auf die Sekundarstufe internationales Schlusslicht in Sachen Weiterbildung – im Grundschulbereich bilden sich nur zwei bis drei Prozent der Lehrkräfte zur fachbezogenen Nutzung digitaler Medien weiter. Wir müssen uns fragen: Welche Kompetenzen benötigen Lehrkräfte? Wir müssen die Lehrer, durch interessante und für sie nützliche Angebote weiterbilden. Ein weiteres Problem ist, dass die Digitalisierung noch nicht systematisch in der Lehrerausbildung verankert ist. Hier fehlt es damit vielerorts an systematischem Kompetenzaufbau.

Wird dagegen etwas getan?

Die Kultusministerkonferenz hat sich im Sommer 2018 bereits auf den Weg gemacht und gemeinsam mit Experten die Standards für die Lehrerbildung überarbeitet. Diese neuen Ergebnisse werden in der überarbeiteten Fassung in diesem Frühjahr zur Verfügung gestellt. Die Unis müssen dann ihre Studienordnung aktualisieren – und somit die digitalen Medien auch in der Lehrerausbildung dort verankern. Wir hatten bislang die Hoffnung, dass junge Lehrer die Digitalisierung in die Schule bringen, dem ist nicht so. Jetzt müssen wir handeln.

Birgit Eickelmann

ist Lehrstuhlinhaberin der Professur für Schulpädagogik an der Universität Paderborn. Die Schulforscherin leitet unter anderem die International Computer and Information Literacy Study – kurz ICILS –, die 2018 zum zweiten Mal die computer- und informationsbezogenen Kompetenzen von Achtklässlern international untersucht.

Von didacta DIGITAL • 30.01.2019

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