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Unterrichtsmethode

Schlaflos in Moskau - Programmieren in der Schule

Andrey Lobanov entwickelt mit seinem russischen Start-up individualisierte Lernprogramme für Kinder. Sie lernen Programmieren mit einem Computerspiel.

„Der Gedanke, dass unser Projekt die Zukunft von vielen Kindern verändern kann, treibt mich so sehr an, dass ich manchmal nicht schlafen kann.“ Andrey Lobanov brennt für seine Idee. Mit seinem neuesten Start-up entwickelte er eine neuartige Lernsoftware, die Kindern algorithmisches und logisches Denken beibringt sowie Programmieren. Bildung gehört für den studierten Mathematiker zu den wichtigsten Dingen der Welt. „Mit Bildung und Lernprojekten kann man Menschen beeinflussen, nicht nur zu einer bestimmten Zeit, sondern für die Zukunft, lebenslang“, ist er überzeugt. Diese Einstellung war für den ehemaligen McKinsey-Projektleiter aus Moskau entscheidend, sein inzwischen drittes Start-up, Algoritmika, zu gründen.

Als Bildungs-Start-up in Russland

Seit zwei Jahren arbeitet Lobanov mit einem 45-köpfigen Team an einer neuartigen, cloudbasierten Software zum Programmieren lernen, die sich an das Tempo und Lernvermögen der Schüler individuell anpasst. Lehrer erhalten zudem über einen eigenen Programmzugang Daten zu den Fortschritten der einzelnen Schüler. Bereits 10 000 Schüler, vor allem aus Russland, arbeiten oder haben bereits mit der Lernsoftware gearbeitet. In den Schulen wird sie im Unterrichtsfach Informatik oder als Zusatzangebot genutzt. „Bei dem Programm gibt es keine Hausaufgaben. Trotzdem arbeiten 80 Prozent unserer Kinder von Zuhause aus weiter an ihren Aufgaben“, berichtet der Algoritmika-Gründer. Das Programm packt die Schüler durch die unterhaltenden Elemente eines Computerspiels. Bei der Story geht es um die Besiedlung des Planeten Mars. Typische Game-Scores, also die Jagd nach Punkten, wecken Neugierde und den Spieltrieb der Kinder und ködern so ihre Aufmerksamkeit.

Das Lernprogramm gliedert sich in zwei Teile: Im ersten lernen die Schüler die Grundbegriffe des Programmierens und die Basis des algorithmisch-logischen Denkens. Im zweiten Teil geht es darum, vorher Gelerntes in Projekten umzusetzen. Dabei arbeiten die Kinder mit Scratch, einer kostenlosen Programmiersprache für Kinder und Jugendliche, die der US-amerikanische Professor für Lernforschung, Mitchel Resnick, vor zehn Jahren entwickelt hat. Als Lobanov 2015 sein Projekt an den Start brachte, stellte sich für ihn die Frage, ob er dafür nicht besser ins Silikon Valley gehen sollte. „Ich entschied mich dagegen. Für jede Idee gibt es 15 oder 20 verschiedene Start-ups, in denen gute Leute die gleichen Projekte entwickeln. Die Chancen, erfolgreich zu sein, sind dort nicht gut.“ Russland hingegen bietet einen großen Markt mit 150 Millionen Menschen und einer im Vergleich zum Marktpotential relativ geringen Anzahl von Start-ups. „Es ist einfacher zu wachsen und ein gutes Team anzuheuern“. Der Bildungssektor ist in den letzten Jahren in Russland in Bewegung geraten. „Viele Leute fangen jetzt an, in Bildung zu investieren. Praktisch jede gute Schule hat in Moskau private Geldgeber“, weiß der Start-up-Chef. Bildungsangebote sind gefragt.

Das Algoritmika-Programm

Derzeit setzen Schulen in fünf Ländern (Russland, Kasachstan, Zypern, Polen und Aserbeidschan) den Online-Kurs im Unterricht ein. Die Lernsoftware gibt es für Sieben- bis Achtjährige sowie für Neun- bis Zwölfjährige. Eine Version für Dreizehn- bis Vierzehnjährige ist in Arbeit. Ein Kurs läuft über ein Jahr und umfasst 32 Lektionen à 90 Minuten. Die Kosten betragen pro Schüler und Monat 4 bis 10 USD.

Das sind die Lernziele:
1. Algorithmisches, logisches Denken
2. Projekte durchführen und über einen längeren Zeitraum verfolgen
3. Basiswissen im Programmieren
4. Neugierde und Forschergeist wecken und fördern

Die Eltern haben erkannt, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung brauchen. Und auch die russische Regierung weiß, dass gute Bildung ein entscheidender Standortvorteil ist, investiert Zeit, Mühe und „Thinking-Power“, um mehr Ausbildungsangebote vor allem im IT-Bereich bereitzustellen. So hat die Regierungsorganisation, die sich übersetzt „Agentur für strategische Initiativen“ nennt, Algoritmika dabei unterstützt, Partner für das Lernprogramm in verschiedenen Regionen und bei den Regionalregierungen zu finden. Der russische Staat bezuschusst vielversprechende Start-ups. Bislang hat Lobanov sein Unternehmen ausschließlich über private Geldgeber finanziert. „Durch die US-Wirtschaftssanktionen* der vergangenen Jahre sowie die allgemeine wirtschaftliche Lage sind private Investoren in Russland mittlerweile schwer zu finden“, erzählt er. Nun hat sich der Mathematiker mit seinem Start-up um staatliche Zuschüsse bemüht und hofft auf Erfolg. Natürlich gebe es auch in Russland und vor allem weltweit eine Menge Wettbewerber, betont Lobanov. „Die größte Herausforderung ist, die richtige Balance zwischen schnellem Erfolg auf dem Markt und hoher Qualität des Lernprojekts zu finden.“

Um auch auf internationalen Märkten Fuß zu fassen, sucht Lobanov nun nach guten Partnern. „Das wird schwierig, weil wir aus Russland kommen und viele Leute Vorbehalte haben“, erzählt er. Trotzdem denkt er positiv: „Programmieren ist die Zukunft, jeder auf der Welt braucht heute IT-Verständnis. Das vermittelt unser Programm.“ Die Ergebnisse des bisherigen Einsatzes von Algoritmikas Software klingen erfolgversprechend. Die schlaflosen Moskauer Nächte scheinen sich auszuzahlen.

Von didacta DIGITAL • Benigna Daubenmerkl • 14.11.2017

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