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Unterrichtsmethode

Flipped Classroom - Wenn Lehrer ausflippen

In den USA ist Flipped Classroom weit verbreitet. An drei Berliner Schulen wird das Unterrichtskonzept des "umgedrehten Unterrichts“ gerade ausprobiert. Eine Zwischenbilanz.

Heidelberg, 2010

Christian Spannagel steht vor seinen Studenten und fühlt sich unwohl. Wenn er seine 90-minütige Mathematikvorlesung hält, hat er das Gefühl, dass bei den Studierenden nur die Hälfte ankommt. Seit knapp einem Jahr ist er Professor an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Seine Fachbereiche: neben Mathematik- und Informatikdidaktik computerunterstütztes Lernen und Lehren. „Ich habe mir überlegt, wie ich diese unbefriedigende Situation im Hörsaal ändern kann.“ Eine Lösung findet er schnell. Seine Lerninhalte packt er in Videos. Mit den Filmen sollen sich die Studenten zu Hause vorbereiten und den Stoff alleine erarbeiten. Sein erstes Video lädt er am 19. Oktober 2010 auf Youtube hoch. In dem Video steht er vor der Tafel und erklärt „Die Folge der natürlichen Zahlen“. Mittlerweile wurde es über 20 000 Mal angeklickt.

Spannagel macht sich darüber Gedanken, wie und ob sich dieses Prinzip auch in der Schule umsetzen lassen könnte. Die Idee, dass Schüler zu Hause neuen Stoff mit Videos erarbeiten und diesen in der Schule vertiefen, ist nicht neu: In den USA ist das Konzept bereits seit zehn Jahren weit verbreitet, unter dem Namen „Flipped Classroom“ (flip = umdrehen). „Welche Möglichkeiten gibt es, das Konzept auch in deutschen Schulen anzuwenden? Wie können Lehrer digitale Medien generell im Unterricht einsetzen, sodass sich dieser noch schülerzentrierter und individualisierter gestalten lässt?“, fragt sich Spannagel.

August 2013
Ende August reist Spannagel zur „Vision Summit 2013“ nach Berlin. Bei der internationalen Bildungskonferenz an der Humboldt-Universität trifft er auf Stephan Bayer. Er ist Geschäftsführer und Gründer der E-Learning-Plattform Sofatutor. Zusammen mit Vertretern von Schulen sprechen sie über die Idee, das Flipped Classroom-Konzept in Schulen auszuprobieren. Zwar wird die Methode von einzelnen Lehrkräften bereits verwendet, jedoch fehlen geeignete Unterrichtskonzepte. Zusammen mit Bayer will Spannagel das neue Projekt „Flip your class“ umsetzen. „Dadurch kann im Unterricht auf die Schwächen und Stärken des Einzelnen besser eingegangen werden“, fasst er seine Erwartungen zusammen. Schon alleine deshalb, da der Lehrer die Unterrichtszeit zum Wiederholen und Fragen ­klären nutzt.

September 2013
Zusammen mit Stephan Bayer sucht er drei Schulen in Berlin, die bei dem Pilotprojekt mitmachen: die evangelische Schule Berlin-Zentrum, das Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium in Berlin-Johannisthal und die Europaschule Herman-Nohl-Schule in Berlin-Britz sind offen dafür, das Konzept zu erproben. „Für die Lehrkräfte an den Schulen gaben wir Workshops“, erzählt Spannagel. Dabei erklärt er ihnen beispielsweise, wie sie Videos selbst produzieren können. „Es gibt Screenvideos. Da zeichnet man Screenshots auf und spricht dazu im Hintergrund. Das können Lehrkräfte auch mit einer Powerpoint-Präsentation machen. Oder sie stellen sich selbst vor die Kamera.“

Spannagel beginnt, auf seinem Blog über das Projekt zu berichten. Schon bald wird Christian Ebel auf das Projekt „Flip your class“ aufmerksam. Ebel ist Projektmanager bei der Bertelsmann Stiftung, die sich unter anderem für individuelle Förderung einsetzt. Die Stiftung entschließt sich, das Projekt finanziell abzusichern, mit dem Ziel, über drei Jahre Unterrichtskonzepte mit digitalen Medien zu entwickeln. Seit diesem Zeitpunkt arbeitet Julia Werner von der Hochschule Heidelberg eng mit den ­Schulen zusammen.

https://www.youtube.com/watch?v=FJ_3-R5zVlI

Christian Spannagel setzt seit Jahren das Konzept Flipped Classroom um - auf seinem Youtube-Kanal erzählt er regelmäßig, welche Probleme entstehen können und wie gut sein Konzept funktioniert.

September 2014
Als Spannagel den Lehrern am Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium von der Idee des Flipped Classroom erzählt, kennt Lehrerin Ulrike Fraikin diese Methode des Unterrichtens noch nicht. „Wir haben bereits vorher Videos verwendet, beispielsweise interaktive Seiten für den Chemieunterricht oder Lehrvideos, als Teil des Unterrichts. Das aber nur vereinzelt.“ In dem Pilotprojekt sollen nun Videos in das Unterrichtskonzept Flipped Classroom fest integriert werden. Die Ergebnisse werden durch die Hochschule Heidelberg evaluiert. „Wir setzen Videos im Unterricht in Wiederholungsphasen ein. Die technischen Voraussetzungen funktionierten anfangs nicht so, wie sie sollten, beispielsweise war das WLAN nicht stabil“, erzählt sie. Doch die ersten Rückmeldungen der Schüler waren so positiv, sodass Fraikin weitergemacht hat.

Januar 2015
Ein paar Kilometer entfernt vom Gebrüder-Montgolfier-Gymnasium arbeitet Spanischlehrerin Mareike Gloeckner an der Anna-Freud-Schule in Berlin. Während ihres berufsbegleitenden Studiums hat sie eine Seminararbeit über Flipped Classroom geschrieben. Als ihre Schüler vermehrt Probleme haben, die spanische Grammatik zu verstehen, erinnert sie sich wieder an das Modell des umgedrehten Unterrichts. Sie hört von dem Berliner Pilotprojekt und nimmt Kontakt zu Julia Werner auf, um sich mit ihm auszutauschen. Sie erfuhr in Facebook davon. Es wird losgeflippt: Gloeckner lässt die Schüler spanischen Satzbau oder die Konjugation von Verben zu Hause erarbeiten. Hierfür hat sie selbst Videos erstellt. Manchmal greift sie auch auf Videos von Youtube und Sofatutor zurück. Ihr erstes Ergebnis nach fünf Wochen: „Der Lernerfolg hat sich zwar noch nicht verbessert, aber die Schüler sind viel motivierter.“ Diese Motivation führe auch dazu, dass die Schüler im Unterricht mehr mitmachen und ­Spanisch ­sprechen wollen.

September 2015
Von den drei Projektschulen hat das Team erste Rückmeldungen bekommen: Videos seien für die Schüler leichter verständlich, schwieriger Stoff könne mit Bewegtbildern besser erläutert werden. Der Einsatz von Lernvideos, die Schüler zu Hause ansehen, sollte jedoch dosiert und die Filme leicht zugänglich sein. „Auch bei dieser Unterrichtsmethode gibt es, wie überall, Vor- und Nachteile“, stellt Spannagel fest. „Wir sind anfangs davon ausgegangen, dass besonders schwächere Schüler von dem Konzept Flipped Classroom profitieren. Aber da wurden wir eines Besseren belehrt. Für diese ist es schwierig, die Videos alleine zu Hause zu verstehen“, sagt er. „Wir versuchen jetzt, Lernstrategien zu entwickeln, um auch schwächere Schüler mitzunehmen.“

Oktober 2016
Ähnliche Erfahrungen macht Lehrerin Ulrike Fraikin. Sie setzt die Methode Flipped Classroom daher nur selten in der klassischen Variante ein. „Wir nutzen Videos in unterschiedlichen Phasen, beispielsweise als Lernunterstützung beim Stationenlernen, als Visualisierung abstrakter Inhalte oder zur Wiederholung von Lernstoff des letzten Schuljahres – meist in Kombination mit anderen Formen selbstständigen Lernens“, erzählt sie.
Auch Mareike Gloeckner hat nach zweieinhalb Jahren Flippen ihres Fremdsprachenunterrichts das Konzept abgewandelt. Sie geht über vom klassischen Flipped Classroom-Konzept zu Flipped Learning als konzeptionellem Lernprozess. „Das bedeutet für mich, dass das selbstorganisierte Lernen, kombiniert mit kompetenzorientierter Ausrichtung gestärkt wird“, fasst sie zusammen. Schüler sollen individuell gefördert werden. Auch, wenn sie das Potenzial des Flipped Learnings nicht vollends ausgeschöpft hat, weiß sie, dass solche Projekte wichtig sind, damit es „zum langersehnten Wandel in der Schullandschaft kommt“.

April 2017
Das Projekt „Flip your class“ befindet sich nun im letzten Projektjahr. Das Projektteam organisiert gerade ein Treffen in Berlin, um sich mit Lehrkräften aus ganz Deutschland über die Unterrichtsmethode am 30. Juni auszutauschen. „Ich bin schon sehr gespannt, was die anderen Lehrkräfte aus dem deutschsprachigen Raum berichten und welche Ansätze sie verfolgen. Denn eines wissen wir bereits jetzt: Das Konzept ist vielseitig.“

Von didacta DIGITAL • Tina Sprung • 27.07.2017

Ideen für den Unterricht

Einige Lehrer nutzen bereits die Methode von Flipped Classroom.
Ideen und Erfahrungsberichte haben sie online gestellt.

Mathematik:
Sebastian Schmidt unterrichtet in Bayern Mathe, IT und Religion. Auf seinem Blog stellt er seine Videos online und schreibt über deren Einsatz im Mathematikunterricht:
www.flippedmathe.de

Deutsch:
Christian Schett ist Lehrer an der österreichischen Polytechnischen Schule Bregenz. Auf seiner Homepage stehen neben seinen Videos nützliche Tipps online:
www.flipclass.eu

Englisch:
Nina Toller ist Lehrerin an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Auf ihrem Blog stellt sie ­Erklärvideos zur Verfügung und schreibt Blogeinträge über die Entwicklungen.
www.tollerunterricht.com

Erdkunde
Kai Schmidt ist Lehrer in Niedersachsen und stellt auf seiner Homepage nicht nur Videos für den Erdkunde-Unterricht bereit, sondern gibt einen Überblick über alle Unterrichtsfächer.
www.lehrer-schmidt.de

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