Sechs Fragen

„Digitalisierung verbessert das individuelle Lernen“

Für Fachmann Peter Pharow liegt die Bildung der Zukunft in der Kombination von analoger Bildung und neuen Technologien. Dabei geht es darum, Inhalte digital zu verstehen und dann analog in die Realität umzusetzen.

didacta DIGITAL: Was braucht digitale Bildung?

Peter Pharow: Digitale Bildung braucht die Kombination zwischen der herkömmlichen analogen Bildung und neuester Technologie. Diese stammt meist aus völlig anderen Bereichen, sollte aber in der Bildung eingesetzt werden.

Smartphone im Unterricht?

Ja, wenn es dem digitalen Lernen dient. Es gibt zahlreiche Anwendungen, die man auf dem Smartphone sehr gut nutzen kann. Viele Länder arbeiten nach dem Motto „bring your own device“. Wenn die Schulen kein Geld für Endgeräte haben, lassen sie die Schüler einfach ihr Smartphone mit in den Unterricht bringen und setzen damit all die Dinge um, die sonst nicht möglich wären.

Digitalisierung: Mehr Chancen oder mehr Risiken?

Wenn wir es gut machen, bietet die Digitalisierung mehr Chancen, zum Beispiel durch eine verbesserte Individualisierung und Personalisierung des Lernens. Dann kann jeder genau das üben oder trainieren, wo seine Schwächen liegen. Oder man baut seine Stärken weiter aus. Das beinhaltet natürlich auch das Problem des Datenschutzes. Denn wie kann ich solche Dinge so umsetzen, dass die Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben? Da sehe ich die größte Herausforderung.

Unterricht in 20 Jahren?

In Deutschland stellt sich immer die Frage, ob 20 Jahre reichen, um das zu schaffen. Ich stelle mir einen Klassenraum mit Smartphones vor, ohne Hefte und Bücher, alles digital. Auf diese Art und Weise kann man sehr effizient unterrichten, weil der Lehrer sich auf die Schüler konzentrieren kann, die wirklich Unterstützung und Hilfe brauchen. Aber nach wie vor muss das Gelernte hinterher in der Praxis umgesetzt werden, beispielsweise durch Experimente im Chemie- oder Physikunterricht.

Das Schulfach der Zukunft?

Für mich sind das zwei. Einerseits das Fach MNT oder MINT – das Mathe, Physik und so weiter ersetzt –, um ein besseres fächerübergreifendes Verständnis zu erreichen. Das fehlt heute vielfach. Als zweites sehe ich Medienkunde, also das Wissen um die richtige Nutzung von Medien. Heute kennen die Schüler das alles, sie wissen, wie man ein Smartphone benützt. Aber die Fachkunde und die Lebenserfahrung hat der Lehrer. Diese Brücke zu bauen ist für mich die wichtigste Herausforderung.

Ihr Tipp an Lehrkräfte für guten Unterricht mit digitalen Medien?

Lehrkräfte sollten sich vor allem intensiv damit beschäftigen, mit der Motivation, sich weiter zu entwickeln. Die Schüler wissen heute in bestimmten Bereichen mehr, das muss man akzeptieren und in ein gemeinsames Entwickeln von Inhalten umwandeln. Die Rolle der Lehrer ändert sich zwar, aber sie sind immer noch diejenigen, die den Schülern Inhalte vermitteln. Dabei darf man sich nicht entmutigen lassen, wenn zum dritten oder vierten Mal das Smartphone wieder einmal nicht funktioniert. Das sind Kinderkrankheiten. Wichtig bei dieser Arbeit ist es vor allem, die analogen und digitalen Erfahrungen miteinander zu verbinden, damit die Schüler am Ende sagen können: „Ich habe es nicht nur digital verstanden, sondern es auch in der realen Welt umgesetzt.“.

Von didacta DIGITAL • 05.06.2018

Peter Pharow

ist leitender Ingenieur beim Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie, kurz IDMT, in Ilmenau. Er und sein interdisziplinäres Team forschen im Bereich „Human-centered Media Technologies“ mit dem Ziel, neue nutzerfreundliche digitale Technologien zu entwickeln, um das Lernen schneller, leichter und nachhaltiger zu gestalten.

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