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Arbeit und Weiterbildung digital

Digitalisierung: Alle sollen profitieren

Arbeit 4.0 und die Digitalisierung der Arbeitswelt bedeuten vor allem Eines: lebenslanges Lernen und ein zunehmender Fokus auf die Weiterbildung. Für Geringqualifizierte kann das eine Chance sein.

Arbeit 4.0 polarisiert. Der digitale Arbeitsplatz von morgen wirkt heute auf viele bedrohlich. Was sich bisher schleichend vollzog – das Verschwinden ganzer Berufsfelder und Arbeitsbereiche –, wird sich demnächst spürbar beschleunigen. Der Computer übernimmt, so die Befürchtung, dort, wo früher richtige Menschen an Schreibtischen saßen oder an Werkbänken arbeiteten. Andere betonen im Gegensatz dazu die Chancen der Digitalisierung: auf eine Bürowelt des globalisierten Miteinanders, auf weniger hierarchische Konzerngefüge, auf eine familienfreundliche Arbeitsumgebung. Jeder werde bald selbst bestimmen können, wann und wie viel er arbeitet.

Lebenslanges Lernen wird vom Schlagwort zur Grundbedingung

Beide Bilder sind nicht ganz falsch. Sie beschreiben den Januskopf der Digitalisierung. Diese Debatte um die Zukunft unserer Arbeit, strikt in Schwarz und Weiß gehalten, verstellt aber den Blick auf das, worauf es wirklich ankommt. Arbeit 4.0 bedeutet nämlich vor allem eines: Lebenslanges Lernen – also „Lernen 4.0“. Das betrifft alle Arbeitnehmer, vor allem aber die Geringqualifizierten. Ihre Arbeitsplätze gelten als von der Digitalisierung besonders bedroht. Was aber so nicht stimmen muss, wie die Studie „Folgen der Digitalisierung für die Arbeitswelt“ des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) 2015 herausfand. Digitalisierte Arbeitsprozesse könnten zwar 46 Prozent der „Helfer-Jobs“ ersetzen, aber eben auch 45 Prozent der Jobs von Fachkräft en, 33 Prozent von Spezialisten und sogar 19 Prozent von Experten. Insofern behalten Geringqualifizierte ihre Chance, nicht ersetzt zu werden.

Vorausgesetzt sie bleiben – wie alle anderen – am Ball. Wer nicht bereit ist, in den kommenden Jahrzehnten seine Fähigkeiten und sein Know-how anzupassen, Augen und Ohren für neue Entwicklungen offenzuhalten, der wird sich schnell im Abseits befinden und auf dem Arbeitsmarkt keine Rolle mehr spielen, egal, ob er vorher eine qualifizierte Ausbildung absolviert hat oder nicht.

Digitalisierung steigert die Lerngeschwindigkeit rapide. Das ist ein Umstand, auf den sich der moderne Arbeitnehmer einstellen muss. Aber auch, was wir lernen sollen, ändert sich dramatisch. Die Halbwertszeit von formalem Wissen sinkt. Die Bedeutung sozialer Kompetenzen wächst dagegen. Und mit ihnen die Notwendigkeit von digitalem Know-how. Digitale und mobile Ignoranz wird in Zukunft existenzbedrohlich.

Individuell Lernen, gemeinsam vertiefen

Digitalität ändert auch die Art und Weise, wie wir lernen. Neue Formen von Lernprozessen wie E-Learning, Game Based Learning, Mobile Learning und Virtual Classrooms treten auf den Plan. Der Lernende kann weit mehr als früher bestimmen, wann er sich welche Inhalte wie aneignet. Reale Zusammenkünft e von Lehrern und Lehrenden dienen nicht mehr der Unterweisung durch die Lehrkraft , sondern bekommen zunehmend den Charakter von Workshops, in denen das zuvor eigenständig Angeeignete rekapituliert und ausgetauscht wird. Gerade für Geringqualifizierte bedeutet digitales Lernen eine höhere Chance auf Qualifikationsverbesserung als bisher. Denn es ermöglicht, besser auf den persönlichen Wissenstand einzugehen und es senkt die Kosten – und damit die Zugangsbarrieren.

Entscheidend ist, dass Geringqualifizierte für sich selbst ihren Veränderungsbedarf erkennen und ihre Lernmotivation hochhalten. Diesen Prozess müssen allerdings auch die Unternehmen unterstützen und fördern. Das geschieht noch zu wenig. Weiterbildung von Geringqualifi zierten hat in Personalabteilungen bis heute eine niedrige Priorität. „Weiterbildungsabstinenz basiert nur selten auf einer persönlichen Unfähigkeit, zu lernen. Neben finanziellen, organisatorischen und zeitlichen Ressourcen fehlt oft das passende Angebot“, urteilte schon 2015 die Bertelsmann Stiftung in ihrem Positionspapier „Wenn Weiterbildung so wichtig ist …“. Lernen 4.0 erlaubt es jetzt, gerade für Menschen ohne qualifizierten Abschluss, kostengünstig individuelle Lernprogramme zu entwickeln.

Wege zur Qualifizierung

Um diese Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen, hat der Personaldienstleister Randstad fünf Säulen zur Qualifizierung definiert: Zunächst werden mit Hilfe von Qualifikations- und Eignungstests die Kompetenzen und Interessen diagnostiziert. Darauf aufbauend wird eine bedarfsorientierte Fortbildung eingeleitet mit der Möglichkeit, einen Abschluss zu erwerben. Hier kommt E-Learning ins Spiel. Arbeitnehmer können online, wann und wo sie wollen, Kurse belegen. Unternehmer integrieren solche Angebote zunehmend in ihre Weiterbildungsabläufe. In einem weiteren Schritt kann über das Lernen im Job- Programm und Workshops Wissen weiter vertieft werden. Am Ende könnte dann eine weiterführende formale Qualizierung stehen.

Ein ungelernter Lagerarbeiter beispielsweise kann auf diese Weise zunächst seine Fähigkeiten am PC herausfiltern. Bei Eignung würde er anschließend in verschiedenen E-Modulen die Prozessketten der Logistik kennenlernen. Im Job würde der Kenntniserwerb praktisch angewendet und dokumentiert. Anschließend nimmt der Mitarbeiter an einer Prüfung zum Lagerassistenten teil und kann zusätzlich den Staplerschein erwerben. Der ungelernte Arbeiter wird auf diese Weise zur Fachkraft – neben dem Job. An diesen Paradigmenwechsel werden wir uns alle gewöhnen müssen: Früher stand im Vordergrund, was ein Arbeitnehmer vor seinem Jobantritt gelernt hat. Heute wird wichtiger, was er während des Jobs hinzulernt. Für Geringqualifizierte ist das eine große Chance: Wer früher als junger Mensch in der Schule etwas versäumte, musste oft sein ganzes Arbeitsleben dafür büßen. Das könnte sich jetzt ändern.

Von didacta DIGITAL • Christoph Kahlenberg • 28.02.2018

Dr. Christoph Kahlenberg

ist Leiter der Randstad Akademie und zuständig für die berufliche Fort- und Weiterbildung der beim Personaldienstleister Randstad beschäftigten Zeitarbeitnehmer. Außerdem ist der Sozialwissenschaftler bundesweit als Referent zu arbeitsmarktpolitischen Themen wie Digitalisierung, demografischer Wandel und Zuwanderung tätig.

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