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Design Thinking in der Berufsbildung

Design Thinking: Die Gruppe ist schlauer

Seit einigen Jahren sorgt eine Innovationsmethode aus dem Silicon Valley für frischen Wind in der Wirtschaft: Design Thinking. Sie bietet auch Perspektiven für die Berufsbildung.

Als unsere Großeltern, und zum Teil auch noch unsere Eltern, einen Beruf erlernten, lernten sie im wahrsten Sinne des Wortes fürs Leben. Einmal als Lehrer, Bäcker oder Dachdecker ausgebildet, übten sie diesen Beruf normalerweise bis zum Eintritt ins Rentenalter aus, nicht selten sogar beim gleichen Arbeitgeber. Heute ist dieses Szenario eine Seltenheit. Aktuelle Berufsbiografien sind geprägt von regelmäßigen Stellen- und Arbeitgeberwechseln. Nicht ungewöhnlich ist sogar der Wechsel in eine neue Branche als Quereinsteiger. Daraus ergeben sich für Schule und Ausbildung neue Herausforderungen. Lehrerkräfte und Ausbilder müssen sich die Frage stellen, wie man junge Menschen auf ein Berufsleben mit sich stetig ändernden Anforderungen vorbereiten kann.

Kompetenzen vermitteln mit Design Thinking

Eine mögliche Antwort auf diese Problematik kommt aus den USA. Sie nennt sich Design Thinking. Design Thinking ist eine nutzerzentrierte Innovationsmethode, die seit 1976 an der Universität Stanford unterrichtet wird, um den Studierenden disziplinübergreifende Kompetenzen wie Teamwork und Kreativität zu vermitteln. Die Methode umfasst einen sechsstufigen Prozess, der das Erkennen eines Problems und die Lösung dafür klar voneinander trennt. Das Design Thinking-Team entwickelt in den ersten drei Schritten des Prozesses ein tiefes Verständnis von einem beliebigen, zugrundeliegenden Problem. Dabei stehen die betroffenen Personen im Fokus. Im ersten Schritt wird ein Verständnis für das Problem aufgebaut, das im zweiten Schritt durch Befragung, Begleitung und Beobachtung vertieft wird. Im nächsten Schritt werden diese Erkenntnisse gefiltert, verdichtet und in einem prototypischen Nutzer – Persona genannt – zusammengefasst. Dann geht es weiter in die zweite Hälfte des Prozesses, die Lösung des Problems. Jetzt werden mit Kreativitätstechniken systematisch Lösungen entwickelt. Im nächsten Schritt, dem Prototyping, macht das Team diese Ideen konkret greifbar, um sie anschließend mit echten Nutzern zu testen. Das Feedback aus dem Test wird genutzt, um weiter an der Idee zu arbeiten. Dieses wiederholte Anwenden neuer Erkenntnisse, die Iteration, ist im Design Thinking besonders wichtig.

Bildung meets Business

Es gibt bereits Beispiele für die Anwendung von Design Thinking an allgemeinbildenden Schulen, etwa an der Evangelischen Schule Berlin, einer Gemeinschaftsschule. Die Arbeit an dem Projekt „Bildung meets Business“ ermutigt die Kinder dort, mittels Design Thinking, zu unternehmerischem Denken. Die Erfahrung, innerhalb von kurzer Zeit neue Ideen für ein komplexes Problem entwickeln zu können, lässt ein „Gründer-Mindset“ entstehen, welches so bisher in der Schule nicht gelehrt wird und für die berufliche Zukunft nur von Vorteil sein kann. An Berufsschulen oder in Ausbildungsunternehmen kann das Arbeiten mit Design Thinking ebenfalls die Ausbildung bereichern. Der PISA-Erfinder und OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher spricht in diesem Zusammenhang von den sogenannten „21st Century Skills“, also von Kompetenzen, die dazu beitragen, das Lernen zu lernen. Zu diesen Fähigkeiten gehören beispielsweise Kreativität, Empathie und Kollaboration. Gerade diese können durch Design Thinking geschult werden. Das Konzept eignet sich dabei besonders gut für konkrete Projekte. Ein Vorteil ist, dass der kreative Prozess durch die Teamarbeit auf Augenhöhe den oft herrschenden Konkurrenzgedanken zwischen Gruppenmitgliedern beiseite lässt. Denn im Design Thinking gewinnt die beste Idee, egal von wem sie kommt – und meistens entsteht diese nicht im Kopf eines Einzelnen, sondern in einem produktiven Miteinander, wenn auf den Ideen der anderen aufgebaut wird. Design Thinking eignet sich daher ideal dazu, Teamfähigkeit und Kollaboration zu fördern.

Kreatives Potenzial im Team nutzen 

Während das Lernen, vor allem in der Schule oder Berufsschule, bisher zumeist ein individueller Prozess war, verschiebt es sich mittels Design Thinking auf die kollektive Ebene. Das gemeinsame Durchlaufen des Kreativprozesses stärkt sowohl die individuellen Kommunikationsfähigkeiten, als auch das Empathie-Vermögen. Der Zukunftsforscher Peter Spiegel versammelt diese Kompetenzen unter seinem „WeQ“-Konzept, welches das alte „IQ“-Konzept, also dass Messen der Intelligenz anhand von standardisierten Aufgaben, ersetzen soll. Dabei handelt es sich um eine neue Art von gemeinschaftlicher Intelligenz, mit dem Ziel, leistungsstärker und kreativer zu sein. Nach dieser Auffassung werden komplexe Probleme und Herausforderungen in der Zukunft nicht mehr von Einzelpersonen gelöst, sondern von Teamplayern, die sich ihres kreativen Potenzials bewusst sind. Dieses kreative Potenzial nennt man im Design Thinking „Creative Confidence“. Das bezeichnet das (Selbst-)Bewusstsein um die eigene schöpferische Kraft . Aus diesem Grund ermutigen gute Design Thinking Coaches im Brainstorming regelmäßig zu verrückten Ideen. Für eine gewisse Zeit jede Form von Kritik zurückzustellen und jeden Einfall zuzulassen, kann am Anfang schwerfallen. Es lohnt sich aber, denn so werden Problemlösungskompetenzen erlernbar und sichtbar, die zu mehr „Creative Confidence“ bei den jungen Menschen führen. Die Design Thinking-Methode bietet gute Voraussetzungen, um auch in der beruflichen Bildung Anwendung zu finden. Lehrer, aber gerade auch Ausbilder, deren Rolle sich immer mehr hin zum Lernbegleiter entwickelt, haben durch das Erlernen und Anwenden von Design Thinking-Methoden die Möglichkeit, diese Rolle mit neuem Methodenwissen zu füllen und junge Menschen erfolgreich auf die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten.

Via www.bildungspraxis.de • Pauline Tonhauser • 21.11.2017

Pauline Tonhauser

ist Gründerin der „DesignThinkingCoach“-Academy, die mit Live Trainings, Eins-zu-Eins-Coaching und E-Learning den Einstieg ins Design Thinking erleichtern will.

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