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Kurzinterview

"Das Smartphone gehört in die Schule"

Ralph Müller-Eiselt, Digitalexperte der Bertelsmann Stiftung, ist überzeugt: "Handys sollen Lernmittel sein". Im Interview mit didacta Digital spricht er über die Zukunft des Unterrichtes und warum Smartphones zur Chancengerechtigkeit beitragen.

didacta DIGITAL: Was braucht digitale Bildung?

Ralph Müller-Eiselt: Die politische Digitalisierungsoffensive für die Schulen darf nicht bei leistungsstarkem WLAN und besserer Geräte-Ausstattung stehenbleiben. Noch wichtiger sind Konzepte, wie man digitale Medien sinnvoll im Unterricht einsetzen kann. Das muss Pflichtprogramm in jedem Lehramtsstudium und selbstverständlich in der Weiterbildung und Schulentwicklung werden. Denn ohne digital kompetente Lehrkräfte werden wir keine digital kompetenten Schüler bekommen.

Handy im Unterricht, ja oder nein?

Smartphones gehören nicht verboten, sondern als ganz normales Lernmittel auf den Tisch. Nicht als die Ausnahme von der Regel, sondern als Regel mit Ausnahmen. Über die konkrete Nutzung sollte man sich in der jeweiligen Schule gemeinsam verständigt. Der Grund ist Chancengerechtigkeit: Wenn es nicht gelingt, den bislang analogen Schulkosmos mit der zunehmend digitalisierten Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler in Einklang zu bringen, droht Bildungserfolg künftig noch stärker von der sozialen Herkunft abzuhängen. Etwas zugespitzt: Kinder aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern würden sich die Vorteile individuellen Lernens zunutze machen, die anderen von fragwürdigen Apps auf ihrem Smartphone vom Lernen abgehalten.

Digitalisierung: Mehr Chancen oder mehr Risiken?

Für die Digitalisierung gibt es keinen Stopp-Knopf. Wir sollten uns nicht im Verhindern üben, sondern die großen Chancen nutzen. Digitale Medien können dabei helfen, pädagogische Herausforderungen wie Inklusion, Ganztagsausbau oder die Unterstützung lernschwacher Schüler besser zu bewältigen. Dieses große Potenzial wird bislang in den Schulen noch zu wenig genutzt. Dabei wären individuelle Förderung, mehr Abwechslung im Unterricht und weniger Überforderung von Schülern und Lehrer ein großer Gewinn. Das gilt auch für die Möglichkeiten digital vernetzten Lernens oder spielerischen Ansätzen mit cleveren Lernapps und Simulationen. Aber natürlich gibt es Risiken, etwa bei der Nutzung von persönlichen Daten. Ohne klare und verbindliche Regeln, die Missbrauch verhindern, ist die digitale Bildung für mich nicht denkbar.

Unterricht in 20 Jahren?

Es geht nicht darum, die digitale Bildung gegen die analoge auszuspielen, sondern darum, beide Welten sinnvoll miteinander zu verbinden. Bildung ist auch Beziehungsarbeit – dafür sind Tablets weniger geeignet. Sie schaffen aber mehr Zeit fürs Wesentliche. Denn dank Lernvideos und personalisierten Computerprogrammen können Lehrer endlich Kinder unterrichten, statt nur Standardwissen weiterzugeben. Sie werden von Wissensvermittlern zu Lernbegleitern. Hoffentlich nicht erst in 20 Jahren.

Das Schulfach der Zukunft?

Was ist ein Algorithmus? Wie funktioniert das Internet? Wie verändert künstliche Intelligenz unsere Gesellschaft? Das sind nur einige der Fragen, die heute in Schule behandelt werden müssen. Ob das in einem neuen Pflichtfach oder anderweitig im Stundenplan geschieht, ist zweitrangig. Ein Schulfach Programmieren jedenfalls wäre keinesfalls genug. Auch andere Schulfächer, etwa Sozialkunde, Philosophie oder auch Mathematik bieten Anknüpfungspunkte.

Ihr Tipp an Lehrkräfte für guten Unterricht mit digitalen Medien?

Entscheidend ist die positive Haltung und Offenheit für Neues. Digitale Medien dürfen für Lehrkräfte nicht als zusätzliche Belastung erscheinen, sondern sollten Teil der Lösung für ihre pädagogischen Herausforderungen sein. Der Monitor Digitale Bildung der Bertelsmann Stiftung belegt: Wer bereits mit digitalen Lernformen gearbeitet hat, erkennt deutlich mehr Unterstützungspotential für individuelle Förderung, Lernqualität und Lernergebnisse. Insofern also mein Tipp: Ausprobieren und im Kollegium über die Erfahrungen austauschen!

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Ralph Müller-Eiselt

leitet als Senior Expert das Projekt „Teilhabe in einer digitalisierten Welt“ bei der Bertelsmann Stiftung, das sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen, Chancen und Risiken der Digitalisierung auseinandersetzt.

Von didacta DIGITAL • Silvia Schumacher • 02.05.2018

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