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Mediennutzung und Bildung

Zu viel Mediennutzung schadet Grundschülern

Wie Kinder sich entwickeln, hängt bekanntermaßen stark davon ab, in welchen Lebenslagen sie aufwachsen – aber welche Faktoren genau dabei eine Rolle spielen, ist weniger klar. Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat deshalb das Nationale Bildungspanel nach den Leistungen und Kompetenzen der Viertklässler durchforstet und kommt zu einigen überraschenden Ergebnissen. Eines davon: Zu viel Mediennutzung wirkt sich negativ auf die Kinder aus.

Die Kritik der älteren Generationen an der Jugend ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Zu faul, zu anspruchsvoll, zu lange Haare. Heute klagen die Erwachsenen vor allem darüber, dass die Jugend zu viel Zeit mit Smartphone und Social Media verbringt – und zu wenig mit Lesen und Leibesertüchtigung.

Tatsächlich aber sind es einfach nur die Lebensumstände, die sich ändern – das allerdings manchmal grundlegend. Blieb zum Beispiel den Kindern der Nachkriegszeit aufgrund des beschränkten Wohnraums praktisch gar nichts anderes übrig, als draußen zu spielen, sorgen Internet und Computer dafür, dass die Kinder von heute ihre Freizeit auch komplett zu Hause verbringen können, ohne dass ihnen langweilig wird.

Hinzu kommt, dass längst nicht mehr alle Kinder mit ihren beiden leiblichen Eltern zusammenleben – und die veränderten familiären Beziehungen wirken sich entsprechend auf die zeitlichen und finanziellen Ressourcen der Familie aus. Kurzum: Die Lebensumstände der Kinder von heute sind mit denen ihrer Eltern und Großeltern kaum noch zu vergleichen.

Doch was bedeuten die veränderten Umstände für die Leistungen der Kids in der Schule oder für ihre sozialen Fertigkeiten? Um diese Zusammenhänge herauszufinden, hat das IW das Nationale Bildungspanel nach den Lebenslagen und den Kompetenzen der Viertklässler durchforstet – die Viertklässler wurden ausgewählt, weil der Lernstoff und die Lebenssituationen der Kinder ab der fünften Klasse in hohem Maße davon abhängen, welche Schulform sie besuchen.

Wie stark der Zusammenhang zwischen den Lebenslagen der Viertklässler und ihrer Entwicklung ist, hängt ganz davon ab, welche Bereiche man in den Blick nimmt:

Das Geschlecht.
Dieses Kriterium zeigt das für Deutschland bekannte Bild, wonach Mädchen im sprachlichen Bereich besser abschneiden und Jungen im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich die Nase vorn haben. Dieses Ergebnis beruht auf Kompetenztests im Jahr 2016, in denen der Anteil von richtigen Antworten in den Fächern Mathematik, Lesen und Rechtschreibung ermittelt wurde. Hinsichtlich der sozialen Fertigkeiten und der Konzentrationsfähigkeit wurden die Lehrer befragt, wie sie ihre Schüler einschätzen – und die Lehrer bescheinigten den Mädchen in beiden Bereichen deutlich bessere Ergebnisse als den Jungen.

Der Migrationshintergrund.
Anders als allgemein angenommen, spielt der Migrationshintergrund allein keine große Rolle für die Leistungen der Viertklässler. Zwar zeigen die Zahlen, dass Migrantenkinder in Sachen Konzentrationsfähigkeit und sozialen Fertigkeiten etwas besser und bei den Leistungstests in Mathematik, Lesen und Rechtschreibung etwas schlechter abschneiden als Kinder ohne Migrationshintergrund. Die Unterschiede sind allerdings statistisch nicht signifikant.

Die Familienkonstellation.
Auch hier fördert die Statistik ein überraschendes Ergebnis zutage: Für die Leistungen der Viertklässler macht es kaum einen Unterschied, ob sie bei beiden leiblichen Eltern, bei Stiefeltern, in einer Patchworkfamilie oder bei einem alleinerziehenden Elternteil aufwachsen. Stark negative Auswirkungen hat allein das Aufwachsen in einer Pflegefamilie – was sich mit den häufig problematischen Verhältnissen im Haus der leiblichen Eltern erklärt.

Der sozioökonomische Hintergrund.
Die Entwicklung der Kinder steht in einem engen Zusammenhang mit dem Bildungsstand der Eltern. Dies ist nicht allein auf angeborene Fähigkeiten zurückzuführen, sondern erklärt sich auch mit einer besseren Förderung der Kinder in bildungsnahen Haushalten. Positive Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit der Kinder hat auch das Haushaltseinkommen der Familie. Eine Erklärung dafür ist, dass höhere Einkommen oft mit Ehrgeiz und Durchhaltevermögen einhergehen und sich die Kinder an diesen elterlichen Eigenschaften orientieren.

Die Freizeitgestaltung.
Während der Umfang des Schulbesuchs – halbtags oder ganztags – kaum mit der Entwicklung der Kinder zusammenhängt, spielt die Freizeitgestaltung eine große Rolle: Kinder, die mehrmals wöchentlich Sport treiben, bringen in Mathematik, im Lesen und in der Rechtschreibung deutlich bessere Leistungen als Kinder, die selten Sport treiben.

Allerdings kommt es auf die Dosis an: Viertklässler, die jeden Tag ins Schwitzen kommen, schneiden zwar besser ab als die Sportmuffel, bleiben aber hinter jenen Kindern zurück, die sich auf ein paar Mal Sport in der Woche beschränken. Auch der Besuch einer Musikschule schlägt sich oft in besseren schulischen Leistungen und einer höheren Konzentrationsfähigkeit nieder.

Eindeutig negativ ist dagegen der Zusammenhang zwischen der Mediennutzung und der Entwicklung der Kinder: Kinder, die regelmäßig vier Stunden und mehr am Tag mit Fernsehen und Computerspielen verbringen, werden von ihren Lehrern in Sachen soziale Fertigkeiten und Konzentrationsfähigkeit als weitaus schlechter eingeschätzt als Kinder, deren Medienkonsum höchstens zwei Stunden pro Tag beträgt.

Für die Politik lassen sich aus diesen Ergebnissen zwei Schlüsse ableiten. Zum einen sollten in den Schulen mehr entwicklungsfördernde Aktivitäten wie Musikunterricht und Sport angeboten werden – dazu braucht es mehr personelle und finanzielle Ressourcen. Zum anderen könnten Eltern in den Schulen und Betreuungseinrichtungen gezielt zu heiklen Themen wie altersgerechter Mediennutzung und gesunder Ernährung beraten werden. Diese Angebote sollten sich nicht auf Familien in Konfliktsituationen beschränken, sondern möglichst alle ansprechen.

Von didacta DIGITAL • Institut der Deutschen Wirtschaft • 18.07.2019

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