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Zukunft der Technologien

Mit dem Wandel der Zeit

Jeder und alles ist vernetzt, Computer organisieren unseren Alltag. Verleger Franz-Josef Kuhn wirft einen kritischen Blick in die Zukunft und auf die Herausforderungen für die Bildungs- und Arbeitswelt.

Ich glaube an das Pferd! Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung!“ Ein Jahrhundert nach der Prophezeiung von Kaiser Wilhelm II. und einigen industriellen Revolutionen später kommt wirklich die automobile Kutsche auf die Straße, das selbstfahrende Auto. Heute reden wir über Industrie 4.0: Maschinen interagieren mit Maschinen, Maschinen mit Robotern, Roboter mit Menschen.

Das „Internet der Dinge“ verbindet über Sensoren (fast) alles, was uns umgibt: Smart-Phones, Smart-House, Smart-Car, Smart-Energie, Smart-Handel, Smart-Banking – bis alles smart ist, sogar Gesundheit. 3D-Drucker schichten mehrgeschossige Häuser in einer Woche auf. Das Baumaterial ist Bauschutt mit Klebemittel. Der 3D-Druck bringt eine neue Machergeneration hervor. Speech-Assistants beantworten auf Zuruf unsere trivialen oder komplexen Fragen aus dem World Wide Web.

Auf dem Weg zur „Künstlichen-Super-Intelligenz“
Wir überschreiten gerade die Schwelle von der „Künstlichen Intelligenz“ zur „Künstlichen-Super-Intelligenz“. Dabei werden vernetzte Computer zu selbstlernenden Systemen. Doch bei aller Freude, allem Staunen über die großartigen Erfindungen und Entwicklungen tauchen viele Fragen auf:

Wird Homo sapiens durch das ständige Upgraden zum Homo optimus und zugleich Sklave selbst geschaffener Systeme? Oder zum Cyborg – mit Teilen aus dem Technik- und Genom-Baukasten, eine Spielart des Frankenstein? Wird die Künstliche-Super-Intelligenz durch die exponentielle Steigerung der Kapazität, das Speichern und Vernetzen allen Wissens und aller Kompetenzen der Welt, und das selbstständige Weiterlernen zu einem gottähnlichen Gebilde, das alles weiß, kann und dominiert?

Die Erfinder reden von „neuronalen Netzen“, also von lernenden Geflechten künstlicher Nervenzellen, die menschliches Denken nachahmen und fast intuitiv handeln. Wir werden diese Computer mit unseren begrenzten intellektuellen Möglichkeiten nicht mehr verstehen, noch nicht einmal in welchen Dimensionen, Kategorien und nach welchen Kriterien sie agieren.

Die notwendige Transformation der Arbeitswelt
Technologische, ökonomische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen unterliegen heute mehr denn je dynamischen, sich beschleunigenden und verändernden Prozessen. Bisher konnte man davon ausgehen, dass bei den großen technologischen Fortschritten durch Wasserkraft, Dampfkraft, Automobilisierung, Elektrifizierung, Automatisierung, Computerisierung mehr neue Arbeitsplätze geschaffen wurden als verloren gingen.

Die Oxford-Forscher Osborne und Frey legten 2013 eine Studie vor, nach der in den nächsten 20 Jahren 47 Prozent aller Berufe gefährdet seien. Im hochindustrialisierten Deutschland sogar 58 Prozent. Wie viele Menschen werden beruflich nicht mehr gebraucht, wenn Computer, Roboter, 3D-Drucker ihre Arbeit übernehmen? Was wird aus den vielen unzureichend qualifizierten oder dann falsch qualifizierten Menschen?

Die Folgen sind in ihren Konsequenzen unabsehbar. Die sozialen, psychologischen, wirtschaftlichen, politischen Herausforderungen sind gewaltig. Wir stehen vor herkulischen Aufgaben. Die Gerechtigkeitsfrage wird von ganz anderen Ausgangspunkten gestellt werden. Wird das bedingungslose Einkommen für alle Bürger notwendig? Wenn ja, wie wird es finanziert? Neue Steuerquellen müssen erdacht werden. Maschinensteuer, Robotersteuer? Und es stellt sich die Frage, wer die neuen Produkte kaufen wird: die wohlhabende Oberschicht, die ausgedünnte, dann noch durch ihre Arbeit gut bezahlte Mittelschicht?

Auf einen Blick

  • Das „Internet der Dinge“ (englisch: „Internet of Things“, kurz IoT) bezeichnet den Trend, dass der Computer zunehmend als Gerät verschwindet und durch „intelligente“ Gegenstände, die über ihren alltäglichen Gebrauchswert hinauswachsen, ersetzt wird.
  • Das Internet der Dinge und die Industrie 4.0 werden Bildung, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig verändern.
  • Schulen und Unis müssen ihre Bildungs­angebote nach den Berufsfeldern der Zukunft neu ausrichten.

Lernen in der Zukunft
Eine Umfrage unter Topmanagern der 350 größten Konzerne der Welt ergab: Robotik, 3D-Druck, Nanotechnologie, Gen- und Biotechnologie, mobiles Internet, IT-Berufe und allgemeines Ingenieurwesen gehören zu den Berufsfeldern der Zukunft.

Wie reagieren Kitas, Schulen und Universitäten auf diese Entwicklung? Immerhin: Immer mehr Kindergärten nehmen am Programm „Haus der kleinen Forscher“ teil. In der Grundschule werden Natur und Technik wieder eingeführt. Ideal, wenn Kinder ihre Fragen durch Experimente selbst beantworten.

In manchen Grundschulen nähert man sich dem Programmieren mit Computer Science Unplugged, eine Idee aus Neuseeland. Damit wird das Wesen des Computers und des Programmierens ohne technisches Gerät verstehbar. Oder mit der Programmiersprache „Scratch", die viele Länder mit großem Erfolg nutzen: Kinder können mit kleinen vorprogrammierten Datenpaketen und grafischen Blöcken ihre Programme erstellen. In weiterführenden Schulen wird Informatik angeboten, hoffentlich zukünftig verpflichtend und überall. In Berufsschulen ist man bereits weiter – mit „Learning-on-Demand“ und dem Lernen an Objekten und in Projekten.

Universitäten werden sich um berufsbegleitende Studiengänge kümmern müssen. Studierende werden die besten Professoren der Welt, zum Beispiel via Moocs (Massive Open Online Courses) und der Plattform Coursera, auf ihren Schreibtisch beamen, sich von Tutoren per Facetime unterstützen lassen und Seminare durch Video-Konferenzen ersetzen.

Schülern sollten wir helfen, ihr Lernumfeld zu organisieren und ihren eigenen Lernprozess zu planen. Denn das „nicht angeleitete Lernen“ und das „personalisierte Lernen“, das Facebook-Gründer Marc Zuckerberg mit Milliarden-Aufwand vorantreibt, wird ein Weg des zukünftigen Lernens sein. Dabei erkennt der Computer jedermanns Lücken und macht gezielte personenbezogene Angebote.

Der Lernforscher Wim Veen, Professor an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden, baut auf Gamification und kollaboratives Lernen: Sechs bis acht Schüler, Studierende und Mitarbeiter in Betrieben bilden eine Gruppe. Sie definieren gemeinsam ein Ziel, suchen die Tools im Netz, teilen die Informationen und steuern zusammen das Ziel an.

Die Verlage wissen, dass in zehn Jahren das Schulbuch seine führende Rolle eingebüßt haben wird. Sie beklagen die mangelhafte elektronische Ausstattung an und das Beharrungsvermögen in Schulen. Verlage sollten ihre Angebote verbessern, die Vorteile der Technik nutzen, beispielsweise mit „Hybridbooks“ – Schulbücher mit QR-Codes, Bilderstrecken, Videos, Autorenansprache. Statt e-Kurse sollten komplexe Lernszenarien und Kombinationen von Konkretem und Digitalem entwickelt werden, dazu Edu-Bricks – in sich abgeschlossene Lern-Bausteine, die aneinander gereiht werden können – und Edu-Games.

In zwanzig Jahren werden wir die Schule nicht mehr wiedererkennen. In Zukunft werden wir nur durch schöpferische, konstruktive Leistungen und durch eine breite Bildung erfolgreich sein. Bildung wendet sich gegen Vermassung und Konformismus. Sie gipfelt in der Schaffung von Möglichkeiten und Alternativen. Deshalb ist es wichtig, dass unsere Schüler viel von Heine und Brecht, Fontane und Schiller verstehen. Sie sollten sich aber auch in Geschichte, Politik, Philosophie, Ethik, Wirtschaft und Finanzen auskennen. Das Triple – Musische Bildung, Geisteswissenschaften und MINT-Fächer, ein modernes Studium Generale – ebnet Schülern Wege in die Zukunft. Das Wort des Erziehungswissenschaftlers Hartmut von Hentig trifft es: „Menschen stärken – Sachen klären!“

Von didacta DIGITAL • Franz-Josef Kuhn • 27.03.2018

Franz-Josef Kuhn

entwickelt seit 40 Jahren didaktische Materialien. Er war geschäftsführender Gesellschafter von zwei Verlagen, Berater einer großen deutschen Verlagsgruppe sowie Vizepräsident des Didacta Verbandes. Heute ist er Vorstandsmitglied der größten russischen Verlags-AG. 1984 gründete er die abc-Gesellschaft und kümmert sich seitdem in Südamerika, Asien und Afrika um Lehrerfort­bildung, Alphabetisierung und Schulbau.

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