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Medienkompetenz

Aktionsrat Bildung fordert Pflicht-Fortbildungen für alle Lehrer – und Systembetreuer für jede Schule

Der Aktionsrat Bildung, dem zehn der renommiertesten Bildungsforscher in Deutschland angehören, hat ein umfangreiches Gutachten zur Digitalen Bildung in Deutschland vorgelegt. Darin werden digitale Kompetenzen „als vierte Kulturtechnik“ beschrieben, deren Förderung „analog zum Rechnen, Schreiben und Lesen Eingang in die Gesamtkonzepte der Bildungseinrichtungen finden“ müssen. Die Professoren werden aber auch praktisch: Sie fordern einen „Digitalisierungsbeauftragten“, einen „Systembetreuer“ sowie einen „Organisationsentwickler“ für jede Schule, die das Lehrerkollegium unterstützen.

Es wirkt in der Tat abstrus: Fünf Milliarden Euro will der Bund bald für die Digitalisierung der Schulen ausgeben, und die Länder haben dafür bereits curriculare Eckpunkte entwickelt, damit „allen Schülerinnen und Schülern während ihrer Schulzeit die Entwicklung der Kompetenzen zu ermöglichen, die für einen fachkundigen, verantwortungsvollen und kritischen Umgang mit Medien in der digitalen Welt“ ermöglicht werden. Dass dafür natürlich auch Personal für Wartung der Technik und Pflege der Inhalte nötig ist, diese Erkenntnis ist allerdings offenbar noch nicht in der Politik angekommen – weder ist dafür Geld vorgesehen, noch findet sich dazu etwas in den von der Kultusministerkonferenz vorgelegten Eckpunkten zum „Digitalpakt“.

Dafür erinnern nun die Professoren des Aktionsrats Bildung daran, dass man den Lehrern in Deutschland die Geräte ja schlecht einfach vor die Schultüren stellen kann.  So heißt es in dem Gutachten:

„In allen Bildungseinrichtungen müssen zur effektiven Verwirklichung des  digitalen Wandels – in enger Rückbindung an die Einrichtungsleitung – die  folgenden Berufsgruppen zusammenarbeiten:

  • Digitalisierungsbeauftragte/-r: In jeder Bildungseinrichtung sollte eine inhaltlich und methodisch ausgebildete Fachkraft vorhanden sein, die unterstützend die Erarbeitung der erforderlichen informationstechnischen  und medienpädagogischen Konzepte und Lehrinhalte begleitet und dem  pädagogischen Personal bei Fragen und Problemen beratend zur Seite steht. Sollte an Schulen diese Aufgabe von regulärem übernommen werden, ist hierfür ein entsprechendes Stundenkontingent  bereitzustellen.
  • Systembetreuer/-in: In jeder Bildungseinrichtung sollte ausreichend informationstechnisch geschultes Personal für die Aufgaben der Systembetreuung zur Verfügung stehen.
  • Organisationsentwicklungsexperte/-expertin: In jeder Bildungseinrichtung sollte eine Expertin beziehungsweise ein Experte die Einbettung  der digitalen Medien in ein umfassendes Gesamtkonzept und Organisationsprofil gewährleisten.“

Allerdings geht es den Wissenschaftlern eher um Grundsätzliches als um das Klein-Klein der Bildungsverwaltung.  „Wenn das alteuropäische Konzept des mit sich selbst identischen Menschen Bestand haben soll, darf Gesellschaft und insbesondere das gesellschaftlich getragene Bildungssystem Digitalisierung nicht einfach laufen lassen, sondern es muss sich ein Konzept für das Bild des Menschen entwickeln, der Digitalisierung produktiv aufnimmt und mitgestaltet, aber auch kritisch verarbeitet“, so postuliert das Gremium.

Im Gutachten heißt es weiter: „Neben dem Erlernen der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen ist der souveräne Umgang mit digitalen  Medien die Voraussetzung für eine systematische Verankerung der Medienbildung im Handeln jedes Einzelnen. Zur Entwicklung digitaler Souveränität gehört neben der Diskussion der Chancen auch die kompetente Auseinandersetzung mit Fragen zu relevanten Sicherheitsaspekten und möglichen Gefahren, die mit der Nutzung digitaler Medien verbunden sind. Ein wesentlicher  Lerninhalt ist es zudem, für die eigene digitale Information Verantwortung zu  übernehmen und folglich die Wirkungen des eigenen Handelns nicht nur zu  kennen, sondern auch reflexiv zu bewerten. Damit Lernende aller Altersgruppen als selbstbestimmte Persönlichkeiten in einer sich ständig verändernden  Gesellschaft bestehen und souverän und verantwortlich am gesellschaftlichen, politischen und beruflichen Leben teilnehmen können, zählt die sichere Beherrschung der Informations- und Kommunikationstechnologien heute zu den Schlüsselkompetenzen. Vollständige digitale Souveränität wird erst möglich, wenn auch auf ethisch-reflexiver Ebene eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit digitaler Information und Kommunikation stattfindet.“

Für Deutschland zeigten empirische Befunde, dass die digitale Transformation inzwischen zwar im Bildungsbereich angekommen sei, oft allerdings recht konventionell: „In Kursen dienen digitale Medien vor allem Präsentationen oder  der Internetrecherche.“ Es sei festzustellen, dass die Potenziale digitaler Medien nicht ausgeschöpft würden, „wenn das Nachdenken über ihre Nutzung an eine bloße Fortführung bewährter pädagogischer Konzepte gebunden bleibt. Dann wird die  Bibliothek durch ein Content-Management-System ersetzt, das Buch durch ein PDF, Vorträge durch MOOCs, das Seminar durch einen virtuellen Klassenraum, die Tafel durch ein interaktives Whiteboard etc.“ Die „gemeinsame Wissenskonstruktion durch Lehrende und Lernende, das adaptive und personalisierte Lernen nicht nur für Lerngruppen, sondern für jeden Teilnehmenden,  die Simulation sozialer Prozesse und ihrer Steuerung“ gerieten dann wohl nicht in den Blick.

„Es ist richtig und wichtig, wenn Pädagoginnen und Pädagogen auch beim Nachdenken über digitale Medien auf den „alten“ Fragen der Didaktik beharren: Wer soll was, wie, warum und wozu lernen? Aber diese Fragen können heute nur noch angemessen beantwortet werden, wenn sie auf  einem soliden Wissen über die Möglichkeiten digitaler Informationsumwelten beruhen.“ Die bisherige Diskussion über die Nutzung digitaler Medien für Lern-  und Bildungsprozesse sei immer noch stark technisch geprägt und auf Infrastrukturen („WLAN für alle“) sowie auf Hard- und Software fixiert. Eine solche  Fokussierung verleitet Förderer und Akteure dazu, ihre Modernisierungsfähigkeit allein durch den Aufbau digitaler Infrastruktur zu dokumentieren. Dabei  werde dann oft vergessen, „dass die Pädagoginnen und Pädagogen vor Ort das  Nadelöhr jeder Bildungsreform sind, ohne deren begleitende Fortbildung und  Beratung didaktische Innovationen nicht durchdringen“. Die Wissenschaftler fordern deshalb „verpflichtende Weiterbildungstage für den Themenbereich Digitalisierung“.

Lehrkräfte sollten dafür qualifiziert werden, „für die eigenen Unterrichtsziele fachdidaktisch und pädagogisch sinnvolle Unterrichtskonzepte mit digitalen Medien zu entwickeln“. Notwendig seien auch ausgewählte „Leuchtturmprojekte“, die den Aufbau von Infrastruktur mit der Qualifizierung des Personals verbinden und die  Verknüpfung von Forschung, Entwicklung und Implementation von Beginn  an mitdenken. Wer nicht mitziehen will, dem soll die Schulleitung auf den Pelz rücken. „Ziel der Einrichtungsleitungen muss es sein, dem Lehrpersonal eine offene Haltung gegenüber dem Lehren mit digitalen Medien zu vermitteln und auch speziell auf die Bedürfnisse diesbezüglich sehr zurückhaltender und skeptischer Personen einzugehen“, so fordern die Wissenschaftler.

Hier lässt sich das vollständige Gutachten herunterladen.

Von didacta DIGITAL • 4teachers • 18.05.2018

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