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Medienkompetenz

Tablets in der Kita - Spielzeug oder Werkzeug?

Kinder wachsen in einer Welt auf, in der digitale Anwendungen völlig ­selbstverständlich sind. Weswegen Smartphone und Tablet-PC in die Kita gehören, solange sie vernünftig genutzt werden, erklärt Erzieherin Antje ­Bostelmann.

Was ist das?“, fragt meine acht Jahre alte Enkelin, zeigt auf ein Thermometer und sieht mich mit großen Augen an. Ich erkläre ihr, dass es sich um ein Thermometer handelt und will ihr gerade vorführen, wie man an der Flüssigkeitssäule die Temperatur abliest, als sie den Kopf schüttelt. „Ach so“, sagt sie, „aber wie warm es ist, kann ich auch auf meinem iPod sehen.“ Als ich sage, dass dies ja schön und gut sei, man aber trotzdem lernen müsse, ein Thermometer abzulesen, rollt sie die Augen. „Du bist ja wie meine Lehrerin. Die versteht auch nicht, dass ich auf meinen iPod gucke, um zu sehen, wie spät es ist. Sie will immer, dass ich das an der Zeigeruhr ablese. Dabei hängen in unserer Schule auch nur Digitaluhren.“ Jetzt komme ich mir altmodisch vor und beende das Thema. Die Situation erinnert mich an meine eigene Kindheit. Mein Großvater hat viel Kraft darauf verwendet, mich mit dem Rechenschieber anzufreunden. Es ist ihm nie gelungen. Er war überzeugt davon, ich würde im Leben scheitern, wenn ich den Umgang mit diesem Gerät nicht beherrschen würde. Kurz darauf kamen Taschenrechner in Mode und heute rechnen Excel-Tabellen für mich.

Was bedeutet das für ­Leitungskräfte und pädagogisches Fachpersonal?

  •  Pädagogen haben nicht die Wahl. Sie müssen die Auseinandersetzung mit digitaler Technik in die Bildungsangebote der Kita aufnehmen.
  • Pädagogen müssen sich informieren, neugierig sein und Vorurteile überwinden.
  • Pädagogen müssen erkennen, dass die digitalen Geräte Werkzeuge sind, die  zum Gelingen von Bildung beitragen.
  • Pädagogen sollten ausprobieren, wie sich die bisher zeitraubenden Dokumentations- und Beobachtungstätigkeiten mit Hilfe digitaler Werkzeuge vereinfachen und optimieren lassen und wie sich mit deren Hilfe Zeit sparen lässt. Denn diese Zeit kommt wiederum den Kindern zugute.

Digitale Geräte verändern unsere Umgebung und unser Verhalten. Dies irritiert viele Erwachsene und führt dazu, dass sie befürchten, ihre Kinder würden um wichtige Erfahrungen gebracht und dadurch bequem und dumm werden. Der Dialog mit meinem Enkelkind verschaffte mir ein ähnliches Gefühl. Doch die Erinnerung an den Rechenschieber tröstet mich. Es ist eine wichtige Aufgabe von Eltern und Pädagogen, gesellschaftliche Entwicklungen und Veränderungen zu erkennen und zu verstehen. Für die Kinder ist diese Veränderung eben keine. Sie sind in den aktuellen Zustand hineingeboren.

Digitale Medien sind Teil der Lebensrealität von Kindern
Kinder wachsen in einer Welt auf, die von digitaler Technik durchdrungen ist. Für sie sind Tablets und ein überall verfügbares Internet normale Merkmale der Welt, in der sie leben. Ihre Eltern hantieren mit Smartphones und Tablets. Es gibt digitale Funktionen in Autos und Wohnungen und öffentlichen Räumen. In vielen Familien wird mit der Oma per Videochat kommuniziert. Das gute alte Familienfotoalbum wird immer häufiger in Dateiform geführt. Diese Entwicklung geht auch an der Kita nicht vorbei. Die Kita muss in ihrem pädagogischen Handeln die Lebensrealität der Kinder berücksichtigen. Das heißt, dass Bildungsprojekte und Lernangebote mit dem Leben und Erleben der Kinder zu tun haben müssen.

Welchen Platz haben ­digitale Medien in der Kita?
Tablets und Smartphones sind eine Fusion wichtiger Werkzeuge, die der Kindergarten seit vielen Jahren einsetzt: Fotoapparat, Filmkamera, Diktiergerät, Mikroskop, Wiedergabegerät für Ton und Film, Bibliothek, Mediathek, Lexikon, Bilddatenbank. Eigentlich kommt es bloß darauf an, diese Multifunktionsgeräte sinnvoll in den pädagogischen Alltag einzu­gliedern.

Beobachtung und  Dokumentation erleichtern
Mit Tablets und Smartphones lässt sich die Dokumentationsarbeit in den päda­gogischen Alltag holen. Was vorher in extra ausgewiesenen Vorbereitungszeiten erledigt werden musste, lässt sich jetzt in den Angeboten und Spielphasen tun. Ältere Kinder können selbst die Fotodokumentation übernehmen. Mit der kostenlosen App „Pic Collage“ lassen sich die aufgenommenen Fotos quasi im Handumdrehen in Dokumentationsposter umwandeln. Nun heißt es nur noch ausdrucken oder per E-Mail an die Eltern schicken.

Reflexion leicht gemacht
Die Reflexion der pädagogischen Arbeit ist ein wesentlicher Schwerpunkt der Teamarbeit. Diese so objektiv und transparent wie möglich zu gestalten, ist ein unbedingtes Muss. Das Instrument der Wahl ist hier die filmische Aufzeichnung des Geschehens. Doch welches Team kann es sich leisten, eine Mitarbeiterin zum Filmen abzustellen? Seit einigen Jahren ist ein kleines Gerät mit Namen „Swivl“ auf dem Markt, in das man ein Tablet oder Smartphone stecken kann. Dieses Gerät filmt, einfach ins Regal gestellt, den Ablauf des Tages, indem es sich zu den jeweiligen Aktionen hin ausrichtet. Das ist praktisch und sinnvoll für die Beobachtung von Kindern, die Selbstreflexion von Erziehern und für jede Form von Auswertungsgesprächen, sei es mit Eltern oder im Team.

Von Medien-­Konsumenten zu Produzenten: Der Bildungsauftrag der Kita erweitert sich
Die sich immer weiter entwickelnden technischen Möglichkeiten werden von Erwachsenen häufig dazu genutzt, Freizeit zu gewinnen, statt mit den Kindern Zeit zu verbringen. Es ist schade, wenn Kinder mit Hilfe der neuen Technik ruhig gestellt werden, denn die digitale Welt bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, um Kinder anzuregen und in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Es scheint, dass unserer Gesellschaft die Fantasie fehlt, sinnvoll mit den neuen Technologien umzugehen und sie zur Überwindung von Bildungsproblemen einzusetzen. Hier kann die Kita aktiv werden. Die dafür nötige Grundhaltung lautet: Digitale Geräte sind Werkzeuge, die das Lernen der Kinder unterstützen können.

Das bedeutet, dass über den Einsatz digitaler Geräte und Medien im Kindergarten im Vorfeld gründlich nachgedacht und diskutiert werden sollte. Eine Vorlese-App mag sehr gut gemacht und vom Inhalt her pädagogisch unbedenklich sein. Trotzdem sollte das Vorlesen ein zwischenmenschliches Erlebnis bleiben, besonders im Kindergarten. Ähnliches gilt für viele Lernspiele. Vorschulkinder lernen in der direkten Auseinandersetzung mit der Welt. Dazu brauchen sie Sand, Steine, Stöckchen, die Natur und andere Menschen. Der Ersatz des Lernens im realen Leben durch ein digitales Lernen, wie es Lernspiele versprechen, ist verantwortungslos. Die Kita darf hier nicht mitmachen.

Zudem sollten Erzieherinnen und Erzieher sich bewusst sein, dass viele Eltern der Verlockung erliegen, alle möglichen digitalen Angebote unreflektiert im häuslichen Alltag einzusetzen. Das macht es umso wichtiger, die pädagogische Arbeit im Kindergarten bewusst anders zu gestalten. Bei der Frage, welche digitalen Anwendungen und Angebote den Kindern nutzen, helfen folgende Faustregeln:

  • Digitale Geräte niemals als Ersatz für etwas sinnlich zu Erfassendes einsetzen
  • Immer auf die Verbindung von real und digital achten
  • Stets darauf achten, dass mehrere Kinder an einer digital unterstützten Aktivität beteiligt sind. Digitale Medien dürfen Kinder nicht isolieren.
  • Digitale Geräte nicht nur benutzen, weil sie digital sind.
  • Der Kita-Alltag findet immer in der realen Welt statt.
  • Digitale Geräte sind Werkzeuge und werden nur dann benötigt, wenn ihre Funktion einem Ziel dient. Sie können das zwischenmenschliche Zusammenleben nicht ersetzen. Nicht beim Vorlesen und auch nicht beim Lernen.

Vorschulkinder können verstehen, dass die meisten Dinge zwei Seiten haben: Sie wissen, dass gute Dinge, wie zum Beispiel Süßigkeiten, schlechte Auswirkungen haben können, wenn sie davon zu viel essen. Nichts ist einfach nur gut oder schlecht. Es kommt darauf an, mit Dingen gut umzugehen, sie richtig einzusetzen und sich vor Gefahren zu schützen. Wenn Kinder lernen, sich im Straßenverkehr sicher zu bewegen, lernen sie auch, dass es Regeln gibt, die dafür sorgen, dass alle Verkehrsteilnehmer sicher sind. Es ist daher wichtig, Kinder bei ihren ersten Schritten im Straßenverkehr zu begleiten. Genauso wichtig ist es, Kinder in die digitale Welt einzuführen, ihnen die Regeln dieser Welt zu erklären und mit ihnen das Einhalten dieser Regeln zu üben.

Von didacta DIGITAL • Antje Bostelmann • 27.03.2018

Antje Bostelmann

ist ausgebildete Erzieherin, Autorin und Gründerin des pädagogischen Unternehmens Klax. Die dreifache Mutter lebt in Berlin und ist überzeugt, dass digitale Anwendungen Teil des Kindergartens der Zukunft sind.

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