© Rawpixel.com / Shutterstock
Internet und Sexualbildung

Sexualerziehung: Generation Porno?

In Zeiten des Internets kommen Schüler heute viel schneller in Kontakt mit sexuellen Inhalten. Sollten Erwachsene deswegen besorgt sein?

Wenn Jugendliche in Deutschland sexuelle Wissenslücken schließen wollen, dann wenden sie sich laut der Studie „Jugendsexualität 2015" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung am liebsten an das Internet. Das ist nachvollziehbar – denn die Sexualaufklärung in Schule und Elternhaus beschränkt sich bis heute bei den meisten auf biologische Fakten, Verhütung und Geschlechtskrankheiten. Diese Themen sind wichtig, aber nicht ausreichend.

Dr. Google statt Dr. Sommer

Beim sexuellen Erwachsenwerden geht es für Jugendliche nicht nur um Biologie und die Vermeidung sexueller Risiken, sondern in erster Linie um Liebe und Lust. Viele Eltern und Lehrkräfte fühlen sich damit überfordert. Und Jugendlichen ist es peinlich, intime Fragen anzusprechen. Oft bezweifeln sie auch schlicht, Verständnis und aussagekräftige Antworten zu erhalten – wer will wirklich mit Eltern oder Lehrern über Selbstbefriedigung und Oralsex sprechen? Im Internet muss sich niemand schämen. Hier können Jugendliche jederzeit diskret nach Informationen zu allen erdenklichen sexuellen Themen und Problemen suchen. Dem legendären Dr. Sommer aus der Zeitschrift Bravo macht heute Dr. Google Konkurrenz. In Forschung und Praxis wird die Informationsqualität im Netz oft angezweifelt. Tatsächlich zeigen Studien, dass sexuelle Online-Informationen zahlreiche Lücken und Fehler enthalten. Doch dieser Befund ist kaum aussagekräftig, solange wir die Informationsqualität außerhalb des Netzes nicht kennen. Selbst eine suboptimale Online-Sexualaufklärung kann hilfreich sein, wenn Jugendliche zu den sie interessierenden Themen offline noch viel weniger oder verzerrtere Informationen erhalten würden.

Jugendliche bindungsorientierter denn je

„Sie sehen Pornos mit 12, haben Sex mit 13, sind schwanger mit 14 Jahren", heißt es in einem Artikel des Süddeutsche Zeitung Magazins aus 2009. Die aktuellen Daten aus der Studie „Jugendsexualität 2015" widersprechen dem deutlich: Die meisten Jugendlichen haben mit 17 Jahren ihren ersten Geschlechtsverkehr, typischerweise im Rahmen einer festen Beziehung. Über 90 Prozent nutzen Verhütungsmittel bereits beim ersten Mal. Liebe und Treue stehen hoch im Kurs. Jugendsexualität in Deutschland ist bindungsorientierter und verantwortungsvoller denn je. Fälle von nicht altersgerechtem, riskantem und grenzverletzendem Sexualverhalten existieren ebenso, allerdings sind sie nicht repräsentativ und belegen auch keinen Trend zu einer angeblichen „sexuellen Verwahrlosung". Vielmehr sind sie Ausdruck diverser psycho-sozialer Problemlagen, etwa Alkohol, Drogen, Gewalt und Vernachlässigung im Elternhaus. So etwa, wenn Minderjährige über viele unverbindliche und ungeschützte Sexkontakte Anerkennung suchen oder wenn sie gegenüber anderen sexuell übergriffig agieren. Eine simple Schuldzuweisung an die Pornografie verschleiert eher die vielschichtigen Ursachen bei sexuell auffälligen Kindern und Jugendlichen.

Jugendliche in ihrer körperlichen Entwicklung stärken

Probleme mit einem gestörten Körperselbstbild, sexuellem Leistungsdruck, fehlender Gleichberechtigung, sexueller Gewalt oder mit übermäßiger Pornografie-Nutzung existieren bei einem Teil der Jugendlichen und Erwachsenen. Doch haben sie wiederum diverse Ursachen und sind nicht allein – und vermutlich nicht einmal maßgeblich – auf die Existenz sexuell stimulierender Darstellungen zurückzuführen. Wir müssen also – das wird seit langem diskutiert, aber immer noch unzureichend umgesetzt – viel mehr dafür tun, Kinder und Jugendliche in einer positiven sozialen und körperlichen Entwicklung zu stärken, ihre Lebenskompetenzen gezielt zu fördern. Gute Lebenskompetenzen, wie eine gute Selbstwahrnehmung, soziales Einfühlungsvermögen oder kreatives Denken, haben zwei Effekte: Sie steigern die Widerstandskraft gegen mögliche Negativeinflüsse durch Werbung, Medien, Gruppendruck, Stress, Alkohol und Drogen. Und sie steigern gleichzeitig Wohlbefinden und Gesundheit. Wer wirklich glaubt, dass Jungen ihr Sexualitäts- und Frauenbild maßgeblich aus dem Porno beziehen, muss sich fragen, wie das überhaupt möglich sein kann, und warum ihnen nicht längst ein gleichberechtigtes und wertschätzendes Sexualitäts- und Frauenbild durch Elternhaus, Schule und Peers vorgelebt und vermittelt wurde.

Pornos sind unrealistisch – und müssen es sein!

Die Sexualpädagogik muss beides im Blick haben, die Pflicht zu einvernehmlichem, verantwortungs- und rücksichtsvollem Sexualverhalten, aber auch die Freiheit zu lustvoll egoistischen, außeralltäglichen und manchmal auch maßlosen sexuellen Fantasien. Denn diese gehören zur menschlichen Sexualität dazu. Pornografische Texte, Bilder und Filme knüpfen an diese Fantasien an. Dass Erotika und Pornografie in vielen Punkten unrealistisch sind, ist kein Mangel, sondern ein notwendiges Merkmal einer fiktionalen Mediengattung, die sexuell stimulieren will. Jugendliche sind in der Lage, zwischen fiktionalen Pornoszenarien und realer Partnersexualität zu unterscheiden. Gerade Jungen haben hier aber durchaus viele Detailfragen und suchen vertrauenswürdige Ansprechpersonen, um ihre Pornografie-Erfahrungen zwischen Lust, Neugier, Befremden und Abscheu zu verarbeiten. Da Eltern und Lehrer bei derartigen Themen eher ausscheiden, ist professionelle Online-Sexualberatung gefragt. Helfen können aber auch externe sexualpädagogische Fachkräfte, die an die Schulen kommen, und ausgebildete Peers im Rahmen von Peer-Education-Programmen.

Neue Formen der Intimkommunikation

Das Smartphone mit Frontkamera und Fotobearbeitungssoftware hat in den vergangenen Jahren eine wahre Selfie-Epidemie hervorgerufen, denn nie war es leichter, attraktive fotografische Selbstportraits in allen Lebenslagen zu erstellen. Das schließt erotische Bilder ein. Viele denken, dass Mädchen heutzutage leichtfertig freizügige Fotos von sich machen und versenden. Diese Fotos würden dann meist in Umlauf kommen und den Ruf ruinieren. Angesichts dieser „Sexting-Epidemie" müsse man „Sexting-Prävention" betreiben und den Mädchen beibringen, dass sie keinesfalls Bilder von sich verschicken dürfen, auf denen sie leichtbekleidet sind. Doch diese Haltung widerspricht nicht nur dem Forschungsstand, sondern auch den sexuellen Menschenrechten und ist letztlich eine weitere Variante, Mädchen und Frauen die Schuld an ihrer Opferrolle zuzuweisen. Die Forschung zeigt, dass erotischer Fotoaustausch unter Erwachsenen heute völlig normal geworden ist. Jugendliche wachsen in diese moderne Form der Intimkommunikation hinein. Ein Viertel der Jugendlichen hat laut JIM-Studie 2015 schon einmal mitbekommen, dass jemand im Bekanntenkreis erotische Fotos oder Filme von sich selbst per Handy oder übers Internet verschickt hat. Wenn Sexting betrieben wird, dann meist wechselseitig innerhalb von Paarbeziehungen als Ausdruck von Liebe, Lust und Vertrauen, auch die Jungen beteiligen sich. In der Regel bleiben die intimen Fotos privat und werden nicht in unethischer und illegaler Weise weitergegeben. Die Fälle, in denen intime Fotos bewusst an Dritte weitergeleitet und zu Mobbing-Zwecken missbraucht werden, sind rar – aber für die Mobbing-Opfer meist sehr schlimm.

„Safer Sexting"

Das Versagen liegt hier nicht bei den Opfern, die ihr Recht auf sexuellen Selbstausdruck wahrnehmen, sondern bei den Tätern und Täterinnen, die – ganz bewusst – Grenzverletzungen begehen und jemanden fertigmachen wollen. Für Fachkräfte und Schulen kommt es hier darauf an, Gewalt-Prävention und Opferschutz-Konzepte zu verbessern. Ein 17-jähriges Mädchen darf mit ihrem Freund Nacktbilder tauschen, ohne dafür verantwortlich gemacht zu werden, falls er gemeinsam mit den Mitschülern das Foto für Mobbing missbrauchen sollte. Der Kardinalfehler der bisherigen Sexting-Debatte liegt darin, dass einvernehmliches Sexting einerseits und Mobbing und Missbrauch andererseits nicht genügend differenziert werden. Die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der Weltgesundheitsorganisation entwickelten „Standards für die Sexualaufklärung in Europa" sehen eine altersgerechte Sexualaufklärung vor, die Jugendlichen nicht wie in den USA sexuelle Abstinenz, sondern „Safer Sex" vermittelt – dasselbe sollte für „Safer Sexting" gelten.

Fachlichkeit ist gefragt

Um Jugendliche beim sexuellen Erwachsenwerden im Digitalzeitalter zu begleiten, ist es wichtig, ihre zeitgenössischen Erfahrungen rund um Online-Sexualaufklärung, Pornografie, Sexting und Co. zu kennen und zu verstehen. Weder Tabuisierung noch Alarmismus sind hilfreich. Die bisherige Forschung zeigt, dass der Wandel unserer sexuellen Kultur im Digitalzeitalter sowohl Risiken, als auch Chancen birgt, die es im Sinne gelingender sexueller Entwicklung konstruktiv auszuschöpfen gilt.

Von didacta DIGITAL • Prof. Nicola Döring / didacta Magazin • 10.11.2017

Prof. Nicola Döring

leitet das Fachgebiet für Medienpsychologie und Medienkonzeption an der Technischen Universität Ilmenau. Sexualität im Digitalzeitalter gehört zu ihren Forschungsschwerpunkten.

Partner

eMag didacta DIGITAL